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Elfte Station – Jesus wird ans Kreuz geschlagen
Eleventh Station:  Jesus is nailed to the cross

Ein Mensch, der sich aufrichtet und die Arme ausbreitet, formt ein Kreuz, wird ein Symbol der Mitte zwischen Himmel und Erde, zwischen Mensch und Mensch. Die Henker, die Jesus zwangen, die Arme zur Annagelung am Kreuz auszubreiten, haben prophetisch gehandelt, ohne es zu wissen. Diese Gebärde des Öffnens der Arme ist der stärkste Ausdruck des Wesens Jesu. Er hat die Arme nach den Menschen ausgebreitet, um sie an sich zu ziehen, aber die meisten wiesen ihn ab.

Am Ende seines Weges ertönt die Klage: „Jerusalem, ich wollte deine Kinder um mich sammeln, wie ein Henne ihr Küken sammelt, aber du hast nicht gewollt!“

Noch immer breitet der Gekreuzigte die Arme aus nach allen, die ein Herz wie eine Heimat suchen.

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A person who stands up and stretches out his arms forms a cross, becomes a symbol for the midway point between heaven and earth, between human and human.  The executioners who forced Jesus to spread out His arms so He could be nailed to the cross were acting according to prophecy without knowing it.  This gesture of open arms is the strongest expression of Jesus’ being.  He stretched out His arms toward mankind in order to draw them to Him, but most of them rejected Him.

At the end of His journey one could hear the plaint:  “Jerusalem, I wanted to gather your children around me as a mother hen gathers her chicks, but you did not want that!“

And even now the Crucified stretches out His arms toward all who are searching for a heart as a home.

Jesus wird am Boden auf dem Kreuze liegend von einem Schergen angenagelt und von einem anderen gehalten. Unter den Umstehenden sieht man Maria, „bei den dröhnenden Hammerschlägen eine Palme der Geduld, ihre Arme dem siebenfachen Schwert entgegenbreitend“, Johannes, Maria Magdalena sowie die Pharisäer, die sich über die Inschrift ärgern. „Seine Brust hob sich hoch empor, die Knie zogen sich gegen den Unterleib … Seine Brust war weit zerspannt und gewaltsam hinaufgerissen, seine Achseln waren hohl und schrecklich ausgedehnt … Unter der hinaufgezogenen Brust war eine tiefe Höhle, sein ganzer Unterleib war hohl und schmal. Seine Glieder waren so gewaltsam ausgedehnt, alle Muskeln und die zerrissene Haut so jammervoll gespannt, dass man seine Gebeine zählen konnte …“

Durch die Marien- und Pharisäergruppe als Repräsentanten der guten und der bösen Reaktion wird die Annagelung Christi moralisch interpretiert. So demonstriert der Streit um die Inschriftentafel geradezu buchstäblich die Einstellung der Pharisäer. Doch auch kompositorisch erscheint die moralische Überhöhung des Geschehens in der Anordnung des Hauptgeschehens und seiner „Resonanz“ in zwei Ebenen übereinander. Diese werden durch das Zentralmotiv des Annagelns verbunden. Die das Hintereinander in ein Übereinander umdeutende Komposition lässt auch in der diagonalen Verkettung ausgebreiteter Hände bedeutsame inhaltliche Bezüge sichtbar werden. Ihr strenges Gerüst hält die drängende plastische Fülle für den Anblick des Betrachters zusammen.

Betrachtungsgedanken: Dr. Egon Kapellari (Übersetzung/Translation: Heidi Fink-Steinwender); Dr. Rittinger
Erstellt am 13.2.2008