Gedenken an Novemberpogrome 1938

„Als Tempel und Synagogen brannten“.
Bericht vom Bildungswerk am 19. November 2008 von Franz Winter, Leiter des Bildungswerkes St. Johann Nepomuk

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 standen im von den Nationalsozialisten kontrollierten Deutschen Reich, zu dem seit kurzem auch das frühere Österreich gehörte, alle jüdischen Synagogen und Bethäuser in Flammen. Was als spontaner Ausbruch des Volkszorns über das Attentat eines jungen Juden auf den deutschen Botschaftssekretär in Paris, E. vom Rath, ausgegeben wurde, war in Wirklichkeit eine von Propagandaminister Joseph Goebbels initiierte Aktion von SA-Trupps und SS-Mitgliedern in Zivilkleidung, wie zahlreiche Dokumente belegen.

Auch in Wien, und hier vor allem in der Leopoldstadt, wurden die für die Menschen jüdischen Glaubens so wertvollen und unersetzlichen Gebetsstätten ein Opfer der Zerstörungswut und ein Raub der Flammen. Nicht lange nach diesem Vandalismus an Objekten und Kultstätten begann der ebenso systematische Überfall auf wehrlose Menschen, ihre Enteignung und Verschleppung in sogenannte „Arbeitslager“, in denen viele Tausende den Tod fanden.

Die Gedenkveranstaltung des Bildungswerkes

Bei der sehr gut besuchten Gedenkveranstaltung des Bildungswerks unserer Pfarre am 19. November waren auch die beiden Pfarrer der Evangelischen Kirche am Tabor, Frau Mag. Ursula Arnold und Herr Mag. Willi Thaler, sowie der Vertreter der Bezirksleitung, Herr Bezirksrat Kresimir Mladensich, anwesend.

Die Vortragende, Frau Mag. Shoshana Duizend-Jensen, Autorin von Büchern über jüdische Geschichte in Österreich, war von 1999 bis 2003 Mitglied der Historiker Kommission. Sie berichtete an Hand von Dokumenten aus dem Wiener Stadt- und Landesarchiv über die Hintergründe des November Progroms und die anschließenden Vertreibungen und wilden Arisierungen. Sehr berührend und lebendig schilderte die Zeitzeugin Mag. Maria Verber die Umstände ihrer geglückten Flucht nach England und wie durch die Hilfe von Menschen christlichen Glaubens auch ihre Eltern gerettet werden konnten.

________________________________________________________________________________________________________________________________

Links:

www.pfarre-nepomuk.at

www.christenundjuden.org

www.orchadasch.at

________________________________________________________________________________________________________________________________________________

Presseinformation zum Bildungswerkabend am 19. November 2008

Als Tempel und Synagogen brannten

Am Mittwoch, 19. November 2008  wird Mag. Shoshana Duizend-Jensen im Rahmen des Katholischen Bildungswerkes der Pfarre St. Johann Nepomuk über das Jüdische Leben in der Leopoldstadt bis 1942 und das November-Pogrom vor 70 Jahren berichten. Im Laufe des Vortrages wird es auch zu einem Gespräch mit einer Zeitzeugin kommen.
Duizend-Jensen ist Historikerin mit Forschungsschwerpunkt Jüdisches Vereinsleben in Österreich. Sie veröffentlichte zu diesen Themen zwei Bücher. Sie arbeitet im Wiener Stadt- und Landesarchiv und ist dort in den Bereichen Erschließung von Archivbeständen und   Benützerbetreuung tätig. Im Rahmen des Veranstaltungsprogramms des „Jüdischen Instituts für Erwachsenenbildung“ leitet sie regelmäßig Führungen durch das jüdische Wien.

„Judenstadt“ Leopoldstadt

Die jüdische Bevölkerung hat die Leopoldstadt seit dem 17. Jahrhundert mitgeprägt. Damals entstand ein Ghetto im „Unteren Werd“. Unter Kaiser Leopold I  kam es bereits 1670 zur zweiten Vertreibung der Juden aus Wien. Das Gebiet um die ehemalige Judenstadt wurde zur „Leopoldstadt“.  In den folgenden Jahrhunderten und vor allem ab dem Toleranzpatent Josefs II. siedelten sich wieder viele Juden hier an. 1858 wurde der imposante Leopoldstädter Tempel eingeweiht.
Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich kam es bereits in den Sommermonaten 1938 zu zahlreichen diskriminierenden Erlässen und Verordnungen.
Die Ermordung des deutschen Diplomaten Ernst Eduard von Rath in Paris diente nur als Anlass für Übergriffe im ganzen Reich ab dem 7. November 1938. Synagogen und Häuser wurden in Brand gesetzt, von 93 Synagogen blieb in Wien nur der „Stadttempel“ aus  unversehrt.

Unterstützt von der Bevölkerung wurden 6.547 Juden festgenommen und deportiert. Die Kirchenleitung sprach kein deutliches Wort dagegen, nur Einzelstimmen waren zu hören.
Nach dem 10. November kam es zu massiven staatlichen Maßnahmen, um die „Ordnung wiederherzustellen“, die der jüdischen Bevölkerung die Teilnahme am öffentlichen Leben unmöglich machten und ihnen jegliche Existenzgrundlage nahm. Die weitere Folge waren Verarmung, Ausgrenzung, Flucht, Vertreibung und Deportation der jüdischen Bevölkerung. Nur sehr wenige Leopoldstädter Juden überlebten die Shoa.

Jüdisches Leben heute

Heute lebt wieder etwa ein  Drittel der Wiener Juden im 2. Bezirk. In der heutigen Leopoldstadt sind jüdisches Leben, Synagogen und jüdische Bildungseinrichtungen wieder selbstverständlich geworden. Mehrere Schulen wurden eröffnet sowie ein jüdisches Institut für Erwachsenenbildung, viele jüdische Geschäfte zeugen vom regen Alltagsleben. 1994 wurde „Esra“, eine Initiative zur psychosozialen und soziokulturellen Integration, ins Leben gerufen.

Begegnung mit den Glaubensgeschwistern

Die Pfarre St. Johann Nepomuk sucht schon seit einiger Zeit Möglichkeiten zur Begegnung mit den jüdischen Glaubensgeschwistern. Wichtigste Initiative in diesem Zusammenhang war hier das Setzen von zwei „Steinen der Erinnerung“ vor der Pfarrkirche. Mit diesen „Steinen der Erinnerung“ soll an die während der Nazizeit vertriebenen Juden und Jüdinnen erinnert werden. „Der öffentliche Raum wird auf diese Weise ein Ort der Erinnerung, des Gedenkens und des Lernens“, begründet Pfarrer Konstantin Spiegelfeld dieses Engagement der Pfarre.

Im heurigen Jahr befassen sich außerdem zwei Bibelrundenreihen mit dem Ersten Testament, nämlich mit Frauengestalten der Bibel und mit den „Vätern unseres Glaubens“.

 

Mag. Shoshana Duizend-Jensen / Heinz Weinrad